Im ersten Teil unserer Artikelserie übers Selbstbewusstsein haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie unser Selbstbewusstsein andere beeinflusst.
Der zweite Teil widmete sich dem Aufbau und der Festigung des eigenen Selbstvertrauens.

Wie können wir nun also unserem Hund helfen, eine ebenso gefestigte und selbstbewusste Persönlichkeit zu sein?

Hundbewusst – aber wie?

Gehen wir unsere bisherige Liste einmal durch:

1. Positive Gedanken

Dazu können wir dem Hund leider nicht raten, da er unsere Sprache nicht spricht. Aber wir können ihm helfen, durch Erfolgserlebnisse eine positive Grundhaltung aufzubauen. Dazu später mehr.

2. Selbstwertschätzung

Auch eher unwahrscheinlich, dass wir den Hund hierzu beraten können. Aber wir können ihn stärken, indem wir ihn unsere Wertschätzung spüren lassen.

3. Erfolgserlebnisse schaffen

Hunde arbeiten immer auf das hin, was ihnen nützt. Sie schaffen sich also sehr gerne selbst Erfolgserlebnisse. Damit diese Eigenschaft nicht mit unseren Bedürfnissen des Zusammenlebens kollidiert, sind Voraussicht und ein kluges Training gefragt.

Hier ist ganz klar: Wir müssen die Verantwortung für die Erfolgserlebnisse unseres Hundes übernehmen.

Damit er mit den Dingen Erfolg hat, die unseren gemeinsamen Alltag verbessern (Essen auf dem Tisch lassen, gesittet an der Leine gehen, auf dem Fußweg bleiben), und sich auf eine höfliche Art selbst am Erfolgserlebnis-Topf bedienen kann, müssen wir erwünschtes Verhalten klug -und vor allem rechtzeitig- belohnen. Warten wir mit unserer Reaktion, bis der Hund etwas falsch macht, arbeiten wir damit gegen sein Selbstbewusstsein – und trainieren im Übrigen auch furchtbar ineffizient.

Übrigens: Auch für unser Hundetraining gilt die selbsterfüllende Prophezeiung. Glaub an Deinen Hund! Das macht einen riesigen Unterschied.

soft_rex

Lass auch einmal den Hund entscheiden, wo er lang gehen möchte. Selbständig die Umwelt zu erkunden ist eine wertvolle Erfahrung für ihn. Foto von Lara

4. Verantwortung übernehmen

Ein Hund kann in unserer Menschenwelt nur schwer Verantwortung für sich und sein eigenes Glück übernehmen – es sei denn, wir zeigen ihm, wie es geht. Ein wunderbares Beispiel sind Assistenz-, Rettungs- und Diensthunde. Wir vergessen oft, zu welchen außergewöhnlichen Leistungen Hunde in der Lage sind, wenn wir sie richtig fördern.
Keine Frage – nicht jeder Hund hat das Zeug zum Assistenzhund. Aber oft können wir unseren Hunden, wenn wir sie erst einmal gründlich damit vertraut gemacht haben, Aufgaben und Verantwortung übertragen.

Dem Hund auch mal Entscheidungen zu überlassen (wo gehen wir lang, welches Spielzeug möchtest Du, darf ich Dich anfassen?) bricht niemandem einen Zacken aus der Krone und unterstützt den Hund in seinem Selbstbewusstsein.

5. Kenne die Regeln

Auch der Hund muss mit den Regeln unserer Welt vertraut gemacht werden. Wichtig ist in dieser Sache: Regeln und Grenzen sind nicht gleichzusetzen mit Strafen. Es ist nicht nötig, dem Hund ein bestimmtes Verhalten zu verleiden, wenn ich ihn auch anleiten kann, direkt das richtige Verhalten zu zeigen.

Weiß der Hund, dass es erwünscht ist, Menschen mit allen vier Beinen am Boden zu begrüßen, kommt er auch in eher hundefernen Gesellschaftskreisen besser an – ein Erfolgserlebnis für Hund und Halter, für das keinerlei Strafen notwendig sind.

6. Ziehe Grenzen

Ein besonders wichtiger Punkt. Denn ja, auch ein Hund darf ganz klar Grenzen haben.

Es ist völlig in Ordnung, nicht von Fremden am Kopf gestreichelt werden zu wollen – egal, ob man ein Mensch oder ein Hund ist.

Wir als Menschen sind in der Verantwortung die Grenzen unserer Hunde zu kennen – und sie durchzusetzen, bevor der Hund sich selbst verteidigt.

Chillara

Auch die körperlichen Grenzen unserer Hunde müssen wir kennen und respektieren. Foto von Lara

An manchen Grenzen müssen wir arbeiten – beim Tierarzt kann es auch einmal unangenehm werden, die Krallen müssen geschnitten, das Fell regelmäßig gebürstet werden. Hier setzt das Medical Training an.
Dabei werden die Grenzen des Hundes respektiert – wir zeigen ihm jedoch, dass Kooperation sich auch in blöden Situationen lohnt, und bereiten den Hund auf das vor, was kommt.

Auch unsere Hunde haben mal einen schlechten Tag. Unter veränderten Umständen (Schmerzen, Hitze, Läufigkeit, Pubertät…) schwanken auch die Leistungsfähigkeit und die Stressresistenz unserer Hunde.
Darauf Rücksicht zu nehmen, ist nicht nur für die Mensch-Hund-Beziehung wichtig, sondern auch für das Selbstwertgefühl des Hundes.

Wie können wir das alles in der Praxis umsetzen?

1. Erfolgserlebnisse

Wie bereits erwähnt, liegt es an uns, den Hund zum Erfolg zu führen.
Die beste Möglichkeit dazu liegt auf der Hand:

Training über Belohnungen

Die wichtigsten Zutaten für ein erfolgreiches (und damit Selbstbewusstsein-stärkendes) Training:

Motivation
Spaß
Bedarfsgerechte Belohnungen

Sowohl Du als auch Dein Hund müssen Lust auf die Übung und Spaß an ihrer Umsetzung haben – und wenns klappt, muss das situationsgerecht belohnt werden!

Dabei ist die Belohnung komplett abhängig vom individuellen Hund und seinen aktuellen(!) Bedürfnissen.

fight_me

Für die Laus oft die perfekte Belohnung: Ein Zerrspiel. Foto von Sabine Popa

Einen durstigen Hund kann ich nicht mit einem trockenen Leckerli erfreuen, aber sehr wohl mit einer gefüllten Gießkanne. Ein Hund der gerade hetzen will, wird sich über die Reizangel oder eine fliegende Frisbee freuen, das Zerrspiel jedoch verschmähen.

Die Vorlieben und Abneigungen seines Hundes zu kennen und einschätzen zu können, wann welche Belohnung ihm größtmögliche Begeisterung entlockt, ist eine wichtige Lernaufgabe für jeden Hundehalter.

Eine gute Möglichkeit ist es oft, sich den Hund sein Futter selbst erarbeiten zu lassen.
Aber Vorsicht: Bei Hunden, die mit Futterbelohnungen schnell hochfahren oder die nicht gut zur Ruhe kommen, kann es ratsam sein, Ihnen zumindest einen Teil des Futters ohne Gegenleistung zu schenken. Das kann man auch gut dazu nutzen das eigene Markersignal zu stärken.

2. Verantwortung schenken

Seinem Hund eigene Entscheidungen* zu ermöglichen ist ein großer Schritt zur Festigung seines Selbstvertrauens.

Selbstbestimmung fühlt sich nicht nur für uns Menschen gut an. Auch Dein Hund genießt es, selbst entscheiden zu dürfen, wenn Du ihm einen sicheren Handlungsrahmen anbieten kannst.
Dabei geht es nicht darum, den Hund einfach tagein, tagaus machen zu lassen, was ihm in den Sinn kommt, sondern darum ihm Optionen aufzuzeigen und ihm die Chance einzuräumen, sich frei zu entscheiden.

Das beste Beispiel hierfür ist das Training eines Alternativverhaltes, wenn der Hund ein Verhalten zeigt, dass ihn im Alltag nicht weiterbringt. Ein gutes Beispiel wäre hier ein Hund, der versucht Artgenossen wild springend und bellend zu begrüßen. Diese Art der Begrüßung schätzen in der Regel weder andere Menschen, noch andere Hunde. Dem Flummi nun also Schritt für Schritt eine ruhigere Annäherung beizubringen, bietet ihm eine Alternative, die sowohl unter Hunden als auch unter Menschen auf deutlich mehr Zuspruch stoßen wird (und dadurch mit guter Wahrscheinlichkeit auch noch selbstbelohnend wirkt).

Auch bereits erwähnt: Ein Gebiet auf selbstgewählten Pfaden erkunden zu dürfen, entscheiden zu dürfen, welcher Weg genommen wird, und das Medical Training.
Gerade das Medical Training bietet sehr spannende Möglichkeiten: Hier wird mit einem „Ich-bin-bereit“-Signal von Seiten des Hundes gearbeitet, der somit selbst bestimmen darf, wann und wie lange er Behandlungen und Manipulationen aushalten kann.

Verantwortung abgeben

Auch mal eine wichtige Aufgabe dem Hund zu überlassen erleichtert das Leben enorm. Foto von Lara

Ein letzter wichtiger Punkt auf diesem Gebiet: Erlaube Deinem Hund, sich selbst zu trauen.
Hat er Angst vor der Mülltonne, lock ihn nicht mit Futter näher ran. Du bringst ihn so in einen Konflikt, der seine Angst im schlimmsten Fall sogar verstärken kann.

Viele von uns würden zwar sehr gerne die Schokolade essen – allerdings nicht, wenn wir unser Gesicht dafür bis auf 2 Zentimeter einer Spinne nähern müssten. Unterstütze Deinen Hund in Situationen, die für ihn ungeheuer sind, aber versuch nicht, ihn um jeden Preis in Kontakt mit dem Angstauslöser zu bringen. Zeig ihm stattdessen aus sicherer Entfernung, dass die Anwesenheit von Mülltonnen, Spinnen oder Gruselclowns etwas schönes und spaßiges auslöst, wie ein gemeinsames Spiel oder eine sogenannte „offene Bar“**.

* Egal, um was es geht: Letztlich entscheidet der Hund immer selbst, was er tut, wenn Du ihn nicht durch Druck oder körperliche Einwirkungen zu etwas zwingst. Darum geht es hier aber nicht. Es geht darum, den Hund zu befähigen ganz bewusst zu entscheiden, was er jetzt gerade möchte und was vielleicht nicht.

** Das Prinzip der Offenen Bar funktioniert so, dass eine Belohnung immer dann fortlaufend angeboten wird, solange sich ein bestimmter Auslöser (Mensch, Hund, Radfahrer, Trecker…) in der Nähe des Hundes befindet. Die Bar wird „geschlossen“, d.h. die Belohnung nicht länger präsentiert, wenn der entsprechende Auslösereiz nicht mehr vorhanden ist. Dadurch wird eine neue, stark positive Verknüpfung mit dem vorher eventuell gruseligen Reiz aufgebaut.

3. Grenzen respektieren

Jedes Lebewesen hat Grenzen. Sowohl im Hinblick auf seine Stresstoleranz, als auch im Hinblick auf seine Leistungsfähigkeit.
Diese Grenzen bei unseren Hunden zu erkennen, bevor sie überschritten werden, ist unsere Aufgabe.

Dazu ist es nötig, dass wir uns mit dem Ausdrucksverhalten und den Bedürfnissen unserer Hunde vertraut machen.

Wenn ein Fremder Deinen Hund anfassen möchte, frag Dich ob Dein Hund das gerade auch möchte – und lass es nur zu, wenn die Antwort ein klares Ja ist.

laus_in_schweden

Neugierig, aber nicht auf Kuschelkurs: Die Laus. Foto von Lara

Die Laus hatte früher Angst vor kleinen Kindern. Das zeigte sie, indem sie ihnen zielsicher auswich und es gar nicht erst zum Kontakt kommen ließ. Aber auch ich musste schon ein Kind, dass sich nicht beirren ließ sie antatschen zu wollen, festhalten. Die Eltern hielten es nicht für nötig einzugreifen. Das Risiko, dass sie damit eingingen, war ihnen wahrscheinlich nicht einmal bewusst.

Um sich in Situationen zurechtzufinden, die stressig sind, hilft es dem Hund immens, wenn sein Mensch bei ihm ist und ihm hilft.

Lass Deinen Hund in schwierigen Situationen nicht allein. Gib ihm den Freiraum den er braucht, aber sei für ihn da.

Wenn Ihr eine stressige Trainingseinheit durcharbeitet, denk an ausreichend viele und lange Pausen.

Auch mit Konditionierter Entspannung kannst Du Deinem Hund das Leben, gerade in Stresssituationen, enorm erleichtern.

4. Berechenbar sein

Wenn wir einschätzen können, welches Verhalten welche Reaktionen in unserem Umfeld auslösen wird, fühlen wir uns sicher.
Genauso geht es auch unseren Hunden.

Mach Dich daher berechenbar für Deinen Hund.

Kündige ihm an, bevor Du ihn anfasst oder ihn hochheben wirst, lass ihn wissen, wann ein Spiel vorbei ist, und natürlich auch, was er gut gemacht hat.
Trotz unserer verschiedenen Sprachen können wir zum Hund eine wunderbare Kommunikationsbasis aufbauen. Das stärkt das Vertrauen zwischen uns und damit auch wieder das Selbstbewusstsein.

Schaff gemeinsame Rituale und Routinen. Besonders unsichere Hunde schätzen oft gleichbleibende Abläufe, auf die sie sich verlassen können.

rad_rex

Bei Dir sollte Dein Hund sich zurecht sicher fühlen können. Foto von Lara

Den wichtigsten Punkt gibt es zum Schluss:

Sei Deinem Hund ein zuverlässiger Partner.

Niemand kann das Selbstvertrauen Deines Hundes so stark beeinflussen wie sein Mensch.
Sei Dir dieser Verantwortung bewusst – und behandele das Vertrauen Deines Hundes mit Respekt.

Gib ihm Sicherheit, wenn er sie braucht, und beschütze ihn vor den Dingen, die ihm Angst machen.
Das würde er auch für Dich tun.

Quellen
Wie unsichere Hunde schnell Selbstvertrauen gewinnen, abgerufen am 24.05.2018
Der unsichere Hund, abgerufen am 24.05.2018
Wie Ihr Angsthund mutiger wird, abgerufen am 24.05.2018
Unsicherheit, abgerufen am 24.05.2018